100 Jahre Frauenwahlrecht

Wenn wir heuer auf hundert Jahre allgemeines Wahlrecht für Frauen zurückblicken so wird das Bild einer Gesellschaft deutlich, in der echte Demokratie schon immer ein Kampf war. Ein Kampf, angeführt von Frauen, die nicht einsehen wollten, dass Ungerechtigkeit naturgegeben ist. Die genug Mut und Visionskraft hatten, an eine wirkliche Gleichstellung aller Menschen zu glauben und dafür auch einzutreten. Die Forderungen nach einer gleichberechtigten Gesellschaft für alle Menschen sind mehr als eine nach geteilten Rechten und Pflichten. Es geht nicht um die Hälfte einer neoliberal bestimmten Welt, es geht um eine andere, um eine friedlichere Welt.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in vielen Ländern Europas, den USA und in Australien die erste Welle des Feminismus und der Frauenbewegung. Arbeiterinnen demonstrierten im August 1848 in Wien gegen eine frauenfeindliche Lohnpolitik, wenig später konstituierte sich der Demokratische Frauenverein, der einzige politische Frauenverein der Revolutionsmonate. Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin forderte 1910 auf dem II. Kongress der Sozialistischen Internationale in Kopenhagen: „Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“. Ein Jahr später gingen erstmals Frauen in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz auf die Straße. Ihre zentrale Forderung: Einführung des Frauenwahlrechts und Teilhabe an der politischen Macht

Geschichtlich betrachtet ist die Einführung des Frauenwahlrechts nicht nur als direkte Folge des Weltkrieges zu sehen. Sie ist vor allem und viel länger schon als das Resultat eines lang andauernden und harten Kampfes der Frauen um Partizipationsmöglichkeiten zu bewerten, bei dem Machtinteressen immer wieder den Interessen von Frauen übergeordnet wurden.

Kraft der Solidarität

Nach zwei Weltkriegen war die Wiederherstellung rigider Geschlechterrollen sowie das Leitbild von Ehe und Kernfamilie als dominante Lebensform wichtiger Bestandteil einer angeblichen „Normalisierung“ der Lebensverhältnisse. Obwohl Frauen in der Kriegs- und Nachkriegszeit auf sich allein gestellt das Leben unter schwierigsten Bedingungen gemeistert hatten, hieß es danach, zu Heim und Familie als wahren Ort weiblicher Bestimmung zurückzukehren.

In den späten 1960er-Jahren begann eine zweite große Welle der Frauenbewegung. Mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates, der zunehmenden Bildungsqualifizierung und der Familienplanung durch die Anti-Baby-Pille kam es zu einer neuen feministischen Bewegung im Kreise vor allem von studentischen Linken. Frauen schlossen sich in Gruppen zusammen und entdeckten die Kraft ihrer Solidarität. Der straffreie Schwangerschaftsabbruch  wurde durchgesetzt und es entstanden zahlreiche Fraueninitiativen, die bis heute existieren.

Kampflesbe contra Prinzessin

In einer Zeit, in der es eine juristische Gleichberechtigung gibt, scheint es an jeder Frau selber zu liegen, wenn sie den Spagat zwischen Karriere, Kind und gesundem Körperbewusstsein nicht hinbekommt. Es gibt sie ja zuhauf, die Vorzeigefrauen, die das alles können. Und alle, die das nicht schaffen, sind eben nicht diszipliniert oder schlau genug. Diese Logik bedeutet für Frauen, sich ändern zu müssen, sich anzupassen. So lange, bis sie als strahlende Siegerinnen dastehen. Wer das nicht erreicht, hat ein Problem. Laurie Penny hat dazu gesagt: "Wenn wir unsere Energie daran verschwenden, uns selbst zu hassen, wird sich nichts ändern."

Heute stehen wir an einem Punkt, an dem viele junge Frauen sagen, dass die Gleichberechtigung schon erreicht sei und sie sich nicht (mehr) mit dem Feminismus der Mütter indentifizieren können. Feminismus gilt als hausbacken und uncool. Es waren und sind immer nur einige wenige Menschen, die Veränderungen anstreben. Kollektiv wie individuell ist es nun mal so, dass Veränderungen instabil machen und man lieber in einem vertrauten Gefängnis bleibt, als in die unbekannte Freiheit aufzubrechen. In einer kapitalistischen Welt ist es schwierig, mit nur einem Drittel an Einkommen und der Hälfte der Pensionen gut über die Runden zu kommen. Das Leben kostet Geld, da kann sich Frau noch so bescheiden geben und wenn Frauen an die gläserne Decke stoßen,  helfen auch die guten Bildungsabschlüsse nicht.

Jeder Mensch hat das Recht, sich gesellschaftlich dort zu verorten, wo er sich sicher und zugehörig fühlt. Dass prominente Frauen sich für den Feminismus einsetzen ist neu – ebenso dass er schickes Accessoire einer Modeindustrie ist. Aber ob sie damit auch die Ziele der Frauenbewegung mittragen, nämlich Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und die Abschaffung von Diskriminierung, ist nicht gesichert. Um das zu verwirklichen, braucht es Solidarität und ein Eintreten, das nicht nur für sich steht. Es braucht Menschen, die den Mut haben und sich einmischen. Die Geduld haben und sich auf Gespräche einlassen, die unbequem sind. Und die reflektiert genug sind, auch eigene Wege infrage zu stellen.

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